Zwillinge ! - Warum ausgerechnet ich ?

Diese Frage stelle ich mir seit dem 17.12.2001 immer und immer wieder!

Der 17.12.2001, ein Montag, hat unsere bis dato kleine Familie zu einer Großfamilie gemacht, ein ziemlicher Schock. Nicht das wir uns nicht ein zweites Kind gewünscht hätten, ja diesmal war es sogar geplant, die Große nicht zu klein, aber auch nicht zu groß, gerade recht für ein Geschwisterchen mit dem man super spielen und Blödsinn treiben kann. Einzelkinder ? – Nichts für uns ! Aber wir hatten uns eben für ein zweites Kind entschieden und nicht für zwei!

 

Wir:

Papa, fast schon 33, selbständig, ca. 60-65 Wochenstunden, auch Samstag ca. bis 14.00/15.00 Uhr, und manchmal eben auch mal sonntags, Urlaub vielleicht zwei Wochen im Jahr, tägliches Arbeitsende ca. 18.30-19.00 Uhr
Mama, 32, wieder für zwei halbe Tage berufstätig, im alten Job, eventuell ausbaufähig
Große Schwester, 2 Jahre, 2 Monate, jede Woche zwei halbe Tage bei unserer Oma - hat ihrer Selbständigkeit sehr gut getan - da sie sehr auf Mama fixiert war

 

Warum so ausführlich, werdet ihr fragen. Ich glaube um Hintergründe zu verstehen, muss ich ein  genaues  Bild unseres Familienlebens aufzeigen; vielleicht auch als Entschuldigung für mich, warum der Schock so groß war als ich beim dritten Ultraschall Ende der 14. Schwangerschaftswoche erfahren habe, dass wir Zwillinge bekommen.

Zwei Tage lang habe ich nur geheult; angefangen habe ich noch in der Praxis, konnte kaum Auto fahren aufgrund der vielen, vielen Tränen. Keine Freudentränen muss ich zugeben, aber der Schock war einfach zu groß. Wusste außer meinem Mann und mir ja keiner, dass ich schwanger war. Die Verkündung hatten wir uns für Weihnachten 2001 aufgespart, sollte eben eine Überraschung für die Großeltern werden, jetzt sogar eine doppelte.

Viele Fragen haben sich mir auf dieser Autofahrt gestellt, an alle kann ich mich nicht mehr erinnern, es waren persönliche dabei, wie z.B.

 

-werde ich das Alles schaffen? Ich bin fast alleinerziehend.

-wird die Große jetzt noch mehr leiden müssen? Wenn sie ihren Status als Einzelkind verliert, und mit einem Schlag durch drei teilen muss.

-werde ich ihr vermitteln können, das sie trotz allem immer etwas Besonderes ist?

-ist das Risiko, bei Zwillingsschwangerschaften, nicht sowieso größer?

-habe ich denn eine Chance spontan zu entbinden?

-hoffentlich sind beide gesund! Hat denn nicht der Zweitgeborene immer nur Nachteile (hört man ja häufig in den Medien).

-kann man im Ultraschall denn überhaupt alles erkennen, wenn man Zwei bekommt? Oder verdeckt einer den anderen, und Missbildungen können übersehen werden?

-kann einer dem anderen den Platz wegnehmen?

-kann eine ausreichende Versorgung beider im Mutterleib überhaupt funktionieren?

-können es womöglich beim nächsten Ultraschall schon drei sein?

und, und, und, .....

und - warum ausgerechnet ich?

 

Schließlich hatte ich mich noch nie mit dem Thema Zwillingsschwangerschaft beschäftigt; aber eine Sache hatte ich bereits auf dieser Autofahrt nach Hause entschieden: Zwei werde ich nicht stillen! Diese Entscheidung hat mir persönlich wieder ein wenig Hoffnung gegeben, alles leichter auf die Reihe zu bringen. Mancher sagt sicher die Entscheidung ist egoistisch, aber für mich war die Entscheidung wichtig und richtig; natürlich tut man alles zum Wohl der Kinder, aber ganz darf man sich selbst dabei nicht vergessen.

 

Es waren auch viele sachliche bzw. finanzielle Fragen dabei, wie z.B.

-die Zimmeraufteilung im Haus, wie geplant, muss auf alle Fälle überdacht, vermutlich sogar geändert werden

-kann man drei Kindern in der heutigen Zeit genug bieten vor allem in finanzieller Hinsicht

-kann ich mit meiner Familie je wieder in Urlaub fahren oder gar fliegen

-ein neues Auto wird nötig, weil drei Kindersitze und ein Zwillingskinderwagen (zu diesem Zeitpunkt konnte ich ja nur vermuten, welche Ausmaße das gute Stück hat) werden wohl kaum in meinen Opel Corsa passen

-werde ich wohl einen Kindergartenplatz für unsere große Tochter bekommen, vielleicht schon ab September, dann hätten wir drei/vier Monate zu viert zu Hause, und niemand müsste sich abgeschoben fühlen; aber ein Kindergartenplatz bei uns in der Gemeinde war damals schon fast wie ein Sechser im Lotto

-schaffe ich es die Große bis Juni (errechneter Geburtstermin) sauber zu bekommen, sonst habe ich auch noch drei Windelkinder,

und, und, und, ....

und wieder warum ausgerechnet ich?

 

Viele Leser werden sich fragen, was ist das für ein Mensch, der sich 15 Minuten nachdem er erfahren hat, dass er zwei neuen Erdenbürgern das Leben schenken wird, solche Gedanken macht, es gibt doch viel Wichtigeres. Natürlich gibt es das, aber es ist ein sehr persönlicher Bericht. Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, und glaube mindestens genauso viele Leser werden sich damit identifizieren können. Vor allem Mehrlingsschwangere. Circa 14 Monate später, unsere Zwillinge sind mittlerweile fast neun Monate alt (Gott sei Dank!) frage ich mich manchmal auch, warum habe ich mir so viele, und auch unnötige Gedanken gemacht, Hauptsache ist doch - sie sind gesund. Trotzdem habe ich fast zwei Monate gebraucht um mental zu verarbeiten, dass ich Zwillinge bekomme.

 

Nachdem an Weihnachten die frohe Botschaft kundgetan wurde, und sich selbige Nachricht im Ort wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, haben mich ständig Leute auf die Zwillingsschwangerschaft angesprochen. Jedes Mal bin ich wieder in Tränen ausgebrochen. Immer die leidige Frage vor meinem geistigen Auge: Warum ausgerechnet ich? Immer die sicherlich gutgemeinten Ratschläge: „Groß werden sie von alleine!“ oder Bemerkungen wie: „Da ist dann endlich was los zu Hause!“

Und ich habe mir immer nur gedacht, warum haltet ihr nicht endlich euren Mund, schließlich habe ich die ganze Arbeit und helfen tut mir dabei keiner von euch. Außerdem müsst ihr doch spätestens jetzt, da ich in Tränen ausbreche, sehen, dass es mir nicht gut geht bei dem Gedanken an Zwillinge!

Natürlich gab es auch Bemerkungen wie: „Ach Gott, Zwillinge, ich würde mich erschießen!“ oder „Das ist ja echt scheiße!“, bei solchen Aussprüchen habe ich komischerweise nicht angefangen zu weinen, sondern mir immer wieder gesagt: Denen werde ich es zeigen, so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen! Ratschläge wie: „Lass es doch einfach mal auf dich zukommen, vielleicht wird es gar nicht so schlimm, wie du dir vorstellst!“ waren auch zu hören, aber leider viel zu selten.

 

Fast zwei Monate habe ich also gebraucht, um mich richtig auf die Kinder freuen zu können. Geholfen hat mir dabei der Wechsel zu einer weiblichen Gynäkologin in der 23. Schwangerschaftswoche, und die damit verbundenen erst zweiwöchentlichen, dann wöchentlichen Vorsorgeuntersuchungen; auch ein von mir gewünschtes spezielles Missbildungsultraschall, in dem  keine Besonderheiten zu erkennen waren, außer zwei kleinen Hodensäckchen; ein Gespräch im Kindergarten, dass vermutlich im Laufe des Jahres ein Platz für meine Tochter frei wäre und natürlich die Unterstützung meines Mannes und meiner Eltern, die mir heute immer noch tatkräftig zur Seite stehen. Irgendwann ist dann auch die Frage: „Warum ausgerechnet ich?“, ein klein wenig in den Hintergrund getreten.

 

Klar gibt es auch heute noch Tage und vor allem Nächte in denen ich mich unendlich oft frage, warum ausgerechnet ich? Wenn ich um ca. 4.00 Uhr morgens erst eine Stunde Schlaf zu verzeichnen habe, weil wieder einmal alle Nasen laufen, und keiner richtig durchschlafen kann; weil wieder einmal alle Ohren entsetzlich wehtun und sich kaum einer auf Anhieb beruhigen lässt; weil wieder irgend so ein blöder Virus ausgerechnet bei uns sein Unwesen treiben muss; weil wieder mal Zähne kommen, garantiert bei beiden auf einmal, und, und, und, ... .

 

Man lernt eben sich auch über ein paar Stunden Schlaf am Stück zu freuen, wenn –wie es scheint- mal alle wieder gesund sind, deswegen nicht unbedingt besser schlafen, aber zumindest leichter zu beruhigen sind.

Vor allem habe ich aber gelernt, dass es bei weitem nicht so schlimm ist, zwei Kinder auf einmal zu bekommen, wie ich mir das vorgestellt habe, denn sie sind eben von Anfang an zu zweit. Irgendwie ist es so, als wüssten sie das. Obwohl unsere Zwillinge noch so klein sind, kann man beobachten, wie sie sich aneinander freuen und auch mal miteinander spielen. Es ist ja auch immer was geboten am Fußboden. Es gibt immer was zu schauen, es gibt immer jemanden dem man hinterherrobben  kann und es gibt immer jemanden dem man etwas erzählen kann. Oft denke ich die zwei verstehen sich, wenn sie auch sonst keiner versteht.

Gelernt habe ich auch, dass man jede Hilfe annehmen sollte, die sich einem bietet. Vor allem unsere Großeltern sind super. Man kann sagen, wir sind alle ganz gut in die Situation hineingewachsen. Getreu dem Motto: Man wächst mit seinen Aufgaben! (Originalton meine Mama). Genauso ist es gewesen, und wir wachsen alle immer noch.

Gelernt habe ich auch, dass man alles auf sich zukommen lassen muss, ohne sich zu viele Gedanken zu machen; wie es kommt so kommt´s. Ändern kann man es sowieso nicht, und manches „Problem“ löst sich dann von ganz alleine.

 

Abschließend kann ich sagen, dass ich stolz bin auf meine kleine „Großfamilie“.  

 

Geschrieben, als die Zwillinge 14 Monate alt waren.