Häufig gestellte Fragen (neudeutsch FAQ) – Ein Spaziergang durch die Zwillingsschwangerschaft und das erste Lebensjahr von Zwillingen

Ein geduldiger Mensch bin ich. Deshalb war ich auch nicht genervt, sondern mehr und mehr belustigt, als nach unserer Bekanntgabe der Zwillingsschwangerschaft sowohl im Bekanntenkreis als auch von Fremden immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden. Manchmal variierten die Phrasen um Nuancen. Kurze Fragen jedoch lauteten meist sogar nach ein und demselben Wortlaut.

 

Aus diesem Phänomen habe ich mir einen Spaß gemacht und die immer wieder kehrenden Fragen bei Gelegenheit zuhause aufnotiert. Um meine skizzenhaften Aufzeichnungen etwas bildhafter darzustellen, werde ich sie einpacken in einen gedanklichen Spaziergang durch die Zwillingsschwangerschaft und das erste Babyjahr. Sicherlich werdet Ihr Zwillingseltern Euch in so manchen Passagen wieder finden und entweder durch die Erinnerung genervt die Augen verdrehen oder schmunzeln.

 

Begleitet mich doch auf meinem Spaziergang. Ich lade Euch ein und freue mich über jedes Lächeln, welches ich mit diesem Artikel bezwecken kann.

 

Eines Schwangerschaftsabends sitzen wir auf dem Sofa der Nachbarn und schwimmen auf der Begeisterungswelle, die unsere Zwillingsnachricht gerade auslöst. „Liegt das bei Euch in der Familie?“, möchte die Nachbarin wissen. „Ja“ antworte ich und kläre sie über meinen halben Stammbaum auf. „Kann man das jetzt schon erkennen, dass es Zwillinge werden?“, will die Tochter wissen und ich berichte ihr über den ersten Besuch beim Frauenarzt. „Werden sie eineiig oder zweieiig?“, wird gleich hinterher geschossen, denn diese Unterscheidung gehört zum Allgemeinwissen über Zwillinge. Als wir die Zweieiigkeit bejahen, werden sogleich wild Namen phantasiert. Wir grinsen uns in den nicht vorhandenen Bart und lauschen der nächsten spannenden Frage: „Wißt Ihr schon, ob es Mädchen, Jungen oder etwa ein Pärchen werden? Ein Pärchen wäre schön, oder?“ So, haben wir jetzt dann die Klischees durch…

 

So langsam dämmert es der Nachbarin, dass demnächst der Lärmpegel im Haus doppelt steigt und sie fragt neugierig: „Reicht Euere Wohnung dann noch aus?“ Ja, ja, kein Problem. Wir schaffen das schon. Auch wenn einem Elternpaar alleine die Bewältigung des Zwillingsalltages anscheinend kaum zugetraut wird. „Wohnen die Großeltern in der Nähe?“

 

Der gewöhnliche Deutsche denkt auch bald an das liebe Auto und kommt ins Schwitzen, wenn er an einen Familienurlaub mit Zwillingskinderwagen plus Urlaubsgepäck denkt. „Habt Ihr Euch schon nach einem neuen Auto umgeschaut?“ erkundigt sich der Nachbar. „Kauft Ihr Euch einen Nebeneinander- oder einen Hintereinander-Kinderwagen?“ Nachdem wir alle Details über die Maße und die Sperrigkeit von Doppelkinderwägen an den Mann gebracht haben, ist die Nachbarschaft froh, ordentlich ein Kind nach dem anderen auf die Welt gebracht zu haben und lässt uns befriedigt den Nachhauseweg antreten.

 

Der mit Spannung erwartete Geburts-Tag ist gekommen, die Kinder sind zur Welt gebracht und gut zuhause angekommen, da hakt sich die Nachbarin zum Spazierengehen ein, um brandaktuell alle Einzelheiten über die Geburt zu erfahren. „Hattest Du einen Kaiserschnitt?“…“Nein?! Wir dachten, Zwillinge werden nur per Kaiserschnitt geboren!?“ Da ist sie wieder, die Schablone, in die alle Mehrlingsgebärenden gepresst werden, denke ich mir und schiebe voller jungem Mutterglück meinen Wagen. „Gott sind die winzig!“ sagt die Nachbarin vor Entzücken beim ersten Blick auf die zwei Objekte der Begierde. Nachdem sie jedoch begreift, dass sie selbst „nur ein“ Baby im Bauch getragen hat, ergänzt sie voller Entsetzen: “Und die sollen Beide in Deinem Bauch gewesen sein…?“

 

Die erstbesten Passanten unterbrechen harsch den Redeschwall meiner Begleiterin: „Dürfen wir mal in den Wagen schauen? Sind das denn Zwillinge? Da haben Sie aber viel Arbeit, oder?!“ Ich lasse den Blick gewähren und stelle mir in Gedanken einen Opferstock am Zwillingswagen vor. Einmal schauen, ein Euro. Dann sind die Renten für meine Babys gesichert!

 

Der Partnerlook begeistert und die Herrschaften wollen wissen, ob ich die Beiden immer gleich anziehe oder auch unterschiedlich kleide. Vor lauter Doppeltsehen schnappen die Spaziergänger am Ende noch über und wollen ein Baby behalten – „Sie haben doch eh zwei!“ Jetzt bezweifle ich aber doch die Nüchternheit der Fußgänger.

 

Nach unzähligen Süüüüß-Bekundungen können sich die Passanten losreißen und meine Nachbarin forscht unermüdlich weiter: „Die sehen sich aber sehr ähnlich - sind die Beiden eineiig oder zweieiig? Woran könnt Ihr sie unterscheiden?“ Mich wundert es, dass sie nicht wissen will, wem die Beiden denn ähnlich sehen. Aber das scheint nur bei Einlingen interessant zu sein. Im Gemini-Fall sind alle Interessierten schon genug damit beschäftigt, den einen Zwilling vom anderen zu unterscheiden.

 

Anders als ihr Mann, schaut mir Frau Nachbarin nicht auf das Dekollete, sondern erkundigt sich von vornherein ungläubig: „Stillst Du die Zwillinge? Etwa beide gleichzeitig? Wie funktioniert das?“ Sie platzt fast vor Milch-Neid und wendet das Gespräch und kommt mit der Mitleidstour. „Ist schon hart, die erste Zeit, oder?“ Gekonnt optimistisch bekunde ich, dass die großen Mühen mit noch größeren Freudenmomenten aufgewogen werden, aber sie lässt sich nicht beirren. „Habt Ihr eine Haushaltshilfe? Ohne geht’s doch bestimmt nicht“.

 

„Schreien die Babys immer gleichzeitig? Nein?!“ Darin verbirgt sich die Angst von so vielen Einlingsschwangeren und -Müttern, die froh sind, dass der Zwillings-Kelch an ihnen vorbeigegangen ist. „Was machst Du eigentlich, wenn beide schreien? Das wollte ich schon immer mal wissen.“

 

Am Ende und zum Trost ist die umsorgte Nachfrage „Wie geht es Dir?“ doch die Nummer 1 der FAQ in der (Zwillings-) Schwangerschaft, was uns Mehrlingsgebärende entspannender Weise mit jeder anderen schwangeren Frau gleichstellt.

 

Auf das vergangene Jahr rückblickend lautet mein Rezept für den glücklichen Umgang mit zwei Babys gleichzeitig: Ein Liter Disziplin,  eine doppelte Portion Gelassenheit, garniert mit Singen, Singen, Singen. Egal wie schief oder wie schön mein Singesang klingen mag, er war und ist für mich das wirkungsvollste Mittel zur Überbrückung von Wartezeiten, zur Beruhigung in schwierigen Situationen oder einfach als Entertainment. Denn mit 1 Stimme können mich 4 Ohren hören, egal ob mich dabei 0 oder 2 oder alle 4 Augen sehen. Das ist höhere Mathematik.

 

In diesem Sinne viel Glück!

 

Claudia, 31 Jahre, mit Thomas und Buben Manuel und Magnus (geboren am 23.08.2003)