Zwillinge aus der Sicht des großen Bruders !

Tja – Zwillinge hieß die Nachricht als ich so ca. 2 1/2 Jahre alt war und Mama vom Arzt nach Hause kam, kurz vor Weihnachten und außer uns dreien -Mama, Papa und mir- wusste noch niemand etwas von dem freudigen Ereignis, dass uns Mitte des Jahres heimsuchen sollte; natürlich sollten es die Omas und Opas zum 24. 12., also Weihnachten, erfahren. Was für eine freudige Überraschung und die gleich doppelt! 

 

Natürlich wussten Mama und Papa nicht, dass ich alles mitbekam, deshalb wurde auch nicht hinter vorgehaltener Hand getuschelt, und ich konnte mir so meine Gedanken machen:

  • Wie würde das Leben mit zwei Geschwistern wohl werden?                                                                        
  • Mit zwei Geschwistern mit denen man noch nicht mal etwas anfangen konnte, zumindest am Anfang!                                                                                                                                                                      Die weinend und unangenehm riechend irgendwo im Wohnzimmer herumlagen (habe ich schon mal bei Freunden meiner Eltern erlebt)     
  • Womöglich auch noch zwei Mädchen, wenn ich das richtig verstanden habe, war das noch nicht so ganz klar, ob ich jetzt zwei Brüder (wäre ja ganz cool, so zum Fußballspielen später), zwei Schwestern (na ja, vermutlich sind Puppenspiele nicht ganz so aufregend wie Fußball) oder je ein Brüderchen und Schwesterchen (wäre vermutlich das kleinste Übel, dann könnte ich mir aussuchen, ob Fußball oder Puppen) bekommen würde.  
  • und, und, und, …

Einen kleinen Vorgeschmack, wie das Leben werden würde, bekam ich dann gleich nach Weihnachten. Das Zauberwort: Sauberkeitserziehung ! Mama und Papa lasen Bücher mit dem gleichnamigen Titel und ständig wurden Erfahrungsberichte im Internet zu Rate gezogen; ich bekam so einen zitronengelben Thron mit einer kleinen gelben Ente vorne drauf und einem großen Loch in der Mitte. Was ich damit machen sollte habe ich lange Zeit nicht kapiert, obwohl man mich immer wieder mit nackigem Hintern auf den Thron gesetzt hat. Ich höre sie noch säuseln, die Mama, den Papa, die Omas, die Nachbarn, eigentlich alle, die uns in dieser Zeit besucht haben: „Na komm, nur ein kleines bisschen Pipi!“ Hääääh? Pipi? Was wollten die alle eigentlich von mir? Und dann immer die gleichen Bemerkungen untereinander: Wäre schon schön, wenn das klappen könnte, bevor die beiden anderen auf die Welt kommen, oder? Das gibt sicher eine ganze Menge Arbeit, dann ist es von Vorteil, wenn der Große schon ohne Hilfe auf die Toilette gehen kann.

 

Irgendwann habe ich es dann kapiert, pieseln sollte ich in das gelbe Teil und wenn´s geht auch mal ein Häufchen; dann waren alle gleich aus dem Häuschen und ich bekam tatsächlich ein Gummibärchen – leckere Sache diese Gummibärchen! Vermisst habe ich die Tage an denen mein Leben noch ohne Komplikationen war, wenn ich mal pieseln musste, war ja dieses Stoffteil da und man konnte es einfach laufen lassen; jetzt war alles sehr, sehr kompliziert. War man unterwegs, zum Beispiel am Spielplatz, fragte Mama alle drei Minuten, musst du mal? Das war so was von nervig, kann ich euch sagen. Aber ich wollte auch kein Spielverderber sein, also riss ich mich zusammen und versuchte mein Bestes.

 

Irgendwie kam es mir so vor, als müsste jetzt plötzlich alles noch geregelt werden, bevor die beiden neuen Erdenbürge das Licht der Welt erblicken sollten; und irgendwie alles zu meinen Lasten, und das schon bevor sie überhaupt auf der Welt waren; zum Beispiel machte man sich auf die Suche nach einem Kindergartenplatz, baldmöglichst, damit ich mich eingewöhnen konnte und mir nicht so abgeschoben vorkommen würde, - so oder so ähnlich war die Originalaussage unserer Nachbarin. Ich hatte die schlimmsten Vorstellungen von so einem Kindergarten, bis dahin kannte ich das ja noch nicht einmal aus Erzählungen. Was bitte ist ein Kindergarten?, fragte ich mich.

Und dann kam er mein erster Kindergartentag, neues blaues Täschchen mit Schiffen drauf und hinein ins Vergnügen. Plötzlich hatte ich Freunde, die Fußball mit mir spielten, Freundinnen, die Puppen mit mir spielten, und nette Tanten, die mir vorlasen, wann immer ich wollte. Spielzeuge aller Art: Bunte Bücher, Bausteine, Kuscheltier, Malsachen – mit einem Wort ein Paradies! Das war das Beste, was mir passieren konnte. Langsam machte ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass Geschwister gar nicht so schlecht sind und mir auch Bereicherungen bringen würden von denen ich bisher gar nicht wusste, dass es sie gibt, also die Bereicherungen meine ich.

 

Also es gab Veränderungen, ganz viele Bereicherungen und auch einige Pflichtübungen die mein Leben als bald großer Bruder ganz schön in Schwung brachten! Und dann waren sie plötzlich da! Und ich war der große Bruder! Ab und zu durfte ich mal ein Fläschchen halten, mal dies und mal das herbeiholen, den halben Tag lang habe ich meinen beiden neuen Schwestern erzählt, was ich alles morgens im Kindergarten erlebt habe. Alles in allem war das Leben als großer Bruder besser, als ich mir das vorstellen konnte; es gab viele Besucher, die brachen immer etwas mit -für die Zwillinge, aber auch für mich. Morgens war ich im Kindergarten und spielte, sang und malte; nebenbei bereitete ich mich auf den nachmittäglichen Alltag vor, versuchte mir ganz viel zu merken, damit ich meinen beiden neuen Schwestern auch ganz viel erzählen konnte. Außerdem war ich der Held im Kindergarten, denn niemand außer mir konnte mit zwei gleichzeitig geborenen Geschwistern aufwarten.

 

Mein Leben ist spannend, abwechslungsreich und war noch niemals langweilig, seit die Beiden da sind. Mittlerweile bin ich schon fast in der Schule, aber ich finde so kann es bleiben, denn es macht mich schon ganz schön stolz, wenn ich meinen beiden kleinen Schwestern ab und zu auch etwas beibringen kann und sei es auch nur ein neues Wort, was ich im Kindergarten aufgeschnappt habe! Ich kann gar nicht verstehen, was meine Mutter an dem Wort „Arschloch“ auszusetzen hat, im Kindergarten und bei meinen Schwestern sorgt es immer wieder für Lacher. 

 

Viele Grüße vom großen Bruder !